„Merkel betreibt eine inhumane Politik und verpackt sie in humane Worte“ 4.2/5 (15)

Mark Galliker

Mark Galliker, emeritierter Professor für Psychologie, hat das verbale Verhalten von Bundeskanzlerin Merkel einer Analyse unterzogen. Sein Ergebnis: Merkel verneint, ignoriert und verschleiert die Realität und versteht es, sich „glaubhaft als moralische Autorität zu inszenieren“. Ein Interview über eine Kanzlerin, die auf den Gesprächspsychotherapeuten wirkt „wie eine Musterschülerin, die alles tut, was ihr von oben aufgetragen wird und es versteht, dies vor den Mitschülern zu verbergen“. Das Interview führte Marcus Klöckner.

Herr Galliker, wie könnte man Angela Merkel charakterisieren?

Angela Merkel wird von vielen Bürgern wohlwollend “Mutti der Nation” genannt. Die Mutter ist die beste Frau, ja der beste Mensch – keine Frage! Von anderen Bürgern wird sie “Gutmensch” genannt, was indes nicht gerade gut gemeint ist. Es trifft zu, dass sie fleißig, gescheit, in einem gewissen Sinne brav ist, jedenfalls ist sie nicht korrupt. Sicherlich ist Merkel kein „Schlechtmensch“. Doch Ihr schöner Satz “Wir schaffen das” wäre ihr wahrscheinlich zum Verhängnis geworden, wenn das Flüchtlingsproblem für die Bundesrepublik nicht scheinbar optimal gelöst, respektive an die Grenze anderer Staaten verschoben worden wäre. Merkel wirkt freundlich, schlicht, überhaupt nicht so arrogant wie einige ihrer Vorgänger. Auf mich persönlich wirkt sie wie eine Musterschülerin, die alles tut, was ihr von oben auftragen wird und es versteht, dies vor den Mitschülern zu verbergen, die unter anderem wegen ihr noch mehr arbeiten müssen und das meistens gegen noch schlechtere Noten bzw. Belohnungen.

Sie haben Merkel in einer aktuellen Untersuchung von Ihnen als eine Meisterin der Maskierung genannt, weil Sie Macht verschleiere. Was wollen Sie damit sagen?

Merkel weiß, dass das Volk nicht wissen darf, dass sie sich letztlich für die Interessen der Großindustrie und der Banken einsetzt und gerade nicht für die weniger reichen und armen Menschen, andernfalls hätte sie vermutlich bei den Wahlen keine Chance gehabt. Wenn sie sich für die sogenannten kleinen Leute einsetzen würde, hätte sie die Massenmedien der wirtschaftlich Starken gegen sich und würde wahrscheinlich ebenfalls nicht gewählt. Merkel wird von den Mächtigen vor allem deshalb geschätzt, weil sie deren Denken wie keine zweite Politikerin den Bürgern schmackhaft machen kann.

Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Merkel steht für eine Bundesrepublik, die unter ihrer Führung mehr exportiert hat als je zuvor (unter anderem sehr viele Waffen, Panzer, mit denen auch völkerrechtswidrige Angriffskriege geführt werden, wie jetzt von der Türkei), und für eine Bundeswehr, die noch nie an so vielen Orten der Welt stationiert war. Wie schafft es diese meistens ebenso bescheiden wie harmlos auftretende Kanzlerin, die in der Mehrzahl pazifistisch gesinnten Bürger wie selbstverständlich wiederum auf die neue, expansive Politik Deutschlands einzustellen? Den Eigenanteil der Bundesrepublik an der Produktion oder Reproduktion fragwürdiger Zustände im In- und Ausland maskiert sie mit geschickter Rhetorik. Dabei setzt sie alles ein, selbst die Empathie.

In einem Sommerinterview der ARD zum Konflikt mit Griechenland befragt, bemerkte sie, dass die griechische Regierung inzwischen eingesehen habe, dass das Land nur auf die Beine kommen könne, wenn es auch die notwendigen Reformen realisiere und sie fügte folgenden Satz hinzu: “Wo immer wir helfen können, mit Logistik, mit Menschen, mit Ideen, wollen wir den Griechen beiseite stehen, denn es geht um viel, wenn wir über Griechenland sprechen”. Eine junge Zuschauerin, die sich als Halbgriechin vorstellte, fragte: „Geht es Ihnen wirklich um die Menschen in Griechenland?” Und Merkel antwortete ohne Initialpause: “Mir geht es immer um die Menschen. Mir geht es um die Menschen hier bei uns zu Hause und mir geht es auch um die Menschen in Griechenland. Aber wir müssen auf der anderen Seite uns natürlich auch aufeinander verlassen können. Und deshalb sage ich der Zuschauerin, dass ich ihre Sorgen verstehe, dass ich auch weiß, was in Griechenland viele zu erleiden haben. Das Ungerechte ist ja auch, dass die, die viel Geld haben, längst über alle Berge sind und ihr Geld ganz woanders angelegt haben”. Aus der Kontextanalyse zu dieser Aussage geht hervor, dass die Bundeskanzlerin in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit in der EU unter anderem durch Strukturreformen spricht, scheinbar ohne zu reflektieren, wie sehr in der Vergangenheit solche Reformen der Bundesrepublik zum wirtschaftlichen Ungleichgewicht innnerhalb der EU beigetragen haben.

Sie fragen in Ihrer Studie, wie Merkel „gesellschaftliche und soziale Ungleichheiten in den Medien“ darstellt.

Ja, mit gesellschaftlichen Ungleichheiten sind die größer werdenden Unterschiede zwischen Deutschland und anderen EU-Ländern gemeint und mit sozialen Ungleichheiten die Unterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Gruppierungen und ökonomischen Schichten und Klassen innerhalb der Bundesrepublik. Merkel trägt mit ihren politischen Tätigkeiten dazu bei, diese Unterschiede zu verstärken, doch zugleich versteht sie es ausgezeichnet, dieselben rhetorisch zu nivellieren.

Wie macht Merkel das?

Dies geschieht durch sprachliche Verschiebungen, Verstellungen, Verneinungen, eigentliche Verwerfungen, verbales Ungeschehenmachen und nicht zuletzt auch durch Projektionen. Ein Beispiel für Projektionen ist, wenn alles Böse Russland untergeschoben wird, unter anderem völkerrechtswidrige Aktionen nur beim erneut als Gegner aufgebauten Konkurrenten wahrgenommen werden (z.B. Krim-Übernahme durch Russland) und nicht auch bei der BRD (u.a. Beteiligung am völkerrechtswidrigen NATO-Krieg gegen Serbien, am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Iran und am Krieg gegen Libyen u.a. mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen). Die Bundeskanzlerin pflegt ein schwarz-weiß gemaltes Outgroup-Ingroup-Bild. Der Kreml ist mächtig und böse, die Bundesregierung ist es nicht, ist gut, ja vorbildlich und dafür geschätzt in aller Welt! Welch verhängnisvolle Konsequenzen diese verantwortungslosen Zuschreibungen haben können, hat die Geschichte zur Genüge aufgezeigt. Ein Außenstehender müsste mit Merkel den Eindruck gewinnen, dass im 20. Jahrhundert Russland zweimal Deutschland und nicht umgekehrt Deutschland zweimal Russland angegriffen hat.

Zu was führen psychische Mechanismen wie zum Beispiel die von Ihnen angeführte Projektion?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, je nachdem, welchem seelischen Ablauf sich Merkel überlässt. Beim Beispiel der Projektion wird Hass gegenüber einem vermeintlichen Gegner konstituiert, was als Kriegsvorbereitung interpretierbar ist und letztlich nur der Waffenindustrie dient. Jeder Historiker kann erkennen, dass vor dem 1. und 2. Weltkrieg medial ganz ähnlich vorgegangen wurde wie heute.

Sie haben auch die Verneinung im Zusammenhang mit Merkel erwähnt.

Ja, die Verneinung ist ebenfalls so ein gefährlicher Vorgang, auch wenn er auf den ersten Blick harmloser erscheint, denn vorerst werden „nur“ Bestandteile realer Zusammenhänge und Sachverhalte aus dem Verkehr gezogen, sodass vor allem Verwirrung gestiftet wird.

Haben Sie ein Beispiel?

Beim verbalen Schlagabtausch zwischen der amerikanischen und der nordkoreanischen Regierung stellte Merkel fest: „Ich sehe für Nordkorea keinemilitärische Lösung“ (Handelsblatt, 23.7. 17). Das ist sicherlich begrüßenswert, dass Merkel in dieser Frage Trump nicht unterstützte und darauf hinwies, dass die diplomatischen Mittel bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Die Verneinung bedeutet psychoanalytisch betrachtet aber auch, dass der Gedanke an ein mögliches militärisches Vorgehen vor seiner Abwehr im Bewusstsein schon vorhanden war, wenngleich hier neben anderen Gedanken. Nach Merkel führte die USA neben dem militärischen Drohen auch „eine Vielzahl diplomatischer Aktivitäten“ durch, womit sie diesem Land einen Plus-Punkt in der Auseinandersetzung zurechnete.

Auf die Frage, ob die BRD im Kriegsfall automatisch an der Seite der USA kämpfen würde, antwortete sie „Nein, nicht automatisch“. Im Anschluss daran hinderte dies Merkel indes nicht, ihre Loyalität zu den USA zu bekräftigen. Heißt dies, dass sie also trotz allem an der Seite der USA kämpfen würde, wenngleich nicht automatisch? Jedenfalls stellte Merkel mit dem Fokus auf die Weltregion fest, „Wir könnten und sollten uns noch mehr einbringen“. Dabei wies sie die Hauptschuld am Konflikt eindeutig Nordkorea zu, ungeachtet der Geschichte und all dem, was die sogenannten führenden Industrienationen dort in der Vergangenheit schon kriegerisch angerichtet hatten. Hier kann quasi live verfolgt werden, nicht nur wie sich eine Negation in eine Affirmation verwandelt, sondern auch, wie es zu einer in sich inkongruenten Argumentation kommt, wenn die grundlegenden gesellschaftlichen und internationalen Widersprüche nicht wahrgenommen werden.

Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, das Verhalten von Merkel auf einer psychoanalytischen Ebene zu analysieren?

Im analytischen Teil meiner Untersuchung spielt die Psychoanalyse tatsächlich eine gewisse Rolle; im synthetischen Teil handelt es sich eher um eine politökonomische Zusammenfassung der zuvor untersuchten verbalen Manöver. Meistens werden die sogenannten kleinen Leute psychologisch analysiert, sehr selten die großen, die mit ihrem Verhalten viel mehr Schaden anrichten können als die machtlosen.

Und warum gerade die Konzentration auf die „soziale Frage“?

Neben der gesellschaftlichen Frage berücksichtigten wir tatsächlich auch die soziale Frage. Merkel machte bisher praktisch nichts für die sozial benachteiligten Menschen, aber schürte deren Ressentiments gegen noch mehr benachteiligte Personen, insbesondere gegen Flüchtlinge. Gleichzeitig verneinte sie dies aber immer wieder. Sie arbeitete hier vor allem mit impliziten sprachlichen Diskriminierungen von Migranten, insbesondere, indem sie Dieselben mit „islamistischen Terroristen“ kontextualisierte, ohne gleichzeitig auf die vielen rechtsradikalen Anschläge auf Flüchtlingsheime in der BRD hinzuweisen. Dabei verwarf sie das Befinden vieler Menschen, dass es ihnen heute schlechter geht als früher, indem sie auf die „mancherlei sozialen Verbesserungen“ in den letzten Jahren dank ihrer „verantwortungsvollen Haushaltspolitik“ hinwies. Vordergründig verneinte sie vehement die Gründe für „Neiddebatten“, hintergründig wurden sie aber gerade dadurch inauguriert oder verstärkt.

Können Sie unseren Lesern Ihre Untersuchung etwas weiter vorstellen? Wie sind Sie vorgegangen?

Das forschungsleitende Interesse bestand darin, das in einem Zeitrahmen von fünf Jahren (1. April 2012 bis 31. März 2017) von Merkel in Interviews und Reden verbal Vorgetragene medienpsychologisch zu untersuchen. Zunächst wurden die Interviews und Reden, wie sie in den ARD- und ZDF-Mediatheken sowie in einer eigens erstellten Sammlung von Zeitungsartikeln vorliegen, aussortiert und kategorisiert. Dann wurde das von der Kanzlerin unmittelbar abgerufene verbale Verhalten (Interviews) sowie die von ihr und/oder ihren Mitarbeitern vorbereiteten und von ihr jedenfalls vorgängig eingesehenen und genehmigten Sprachproduktionen (Reden) an ihrem eigenen Maßstab gemessen, den sie selbst an andere anlegt.

Was ist das für ein Maßstab, den Merkel selbst anlegt?

Merkel mahnte verschiedentlich, aber insbesondere am 23. November 2016 in der Generaldebatte des Bundestages zum Bundeshaushalt 2017 an, die journalistische Sorgfaltspflicht wieder herzustellen, kursierten doch in den Medien, besonders in den neuen (unter anderem Fake-Seiten im Internet), häufig die Realität verzerrende Darstellungen. Auch dem Populismus und der durch ihn verursachten Verunsicherung der gemeinsamen Wertebasis sei entgegenzuwirken und dieselbe wieder sicherzustellen.

Was haben Sie dann gemacht?

Zunächst haben wir aus der Fülle des Materials die wiederkehrenden Bestandteile, sozusagen die Zelle, ihres verbalen Verhaltens, herausgelöst. Diese Destillation ließ schon bald ein allgemeines verbales Verhaltensmuster erkennen, das sich als solches als durchgängig erwies, insofern es immer wieder auftauchte, wenngleich in jeweils mehr oder weniger ausdifferenzierter Form.

Und was für ein spezielles Verhaltensmuster konnten Sie erkennen?

Die Formel für dieses Verhaltensmuster lautet wie folgt: „1. Ansprechen eines THEMAS – 2. Aussprechen einer PHRASE“. Bei einer Thematisierung wird die unbequeme Realität so wenig wie möglich berührt, geschweige denn konkret behandelt. Im Gegenteil: Sie wird so schnell wie möglich ausgeblendet und durch eine abstrakte Phrase, die nicht nur wohlklingend ist, sondern auch unverfänglich und unverbindlich bleibt. Meistens handelt es sich bei diesen Phrasen um schöne und/oder gute allgemeine Sätze über den Rechtsstaat, die Demokratie, die Menschenrechte usw., wobei in jedem Fall ebenso stillschweigend wie selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass diese Ideale in der BRD bisher für sämtliche Bürger Bestand hatten und von der deutschen Regierung für alle Menschen gleichermaßen verteidigt werden. Manchmal versucht die Kanzlerin die Bürger auch zu belehren, doch diese Form der Lehre verkommt zur ideellen Leerformel, weil ja zuvor mit der Ausblendung der Realität auch die Gleichheit der Menschen, ihre Rechte und demokratischen Ansprüche in einen reellen und allenfalls politisch umsetzbaren Sinne verabschiedet wurden.

Haben Sie ein Beispiel, an dem man das Verhalten von Merkel besonders deutlich erkennen kann?

Wenn die angesprochene Formel in ihrer einfachsten Form verwirklicht wird, kann man die Zelle ihres Verhaltens in sämtlichen Beispielen gleich deutlich erkennen. Nachdem Trump erklärt hatte, dass die USA aus dem Klimaabkommen austreten würden, sah sich Merkel gezwungen, dieses THEMA zu berücksichtigen. Sie gab zu verstehen, dass trotz diesem Entscheid die Erde zu schützen sei und holte dabei zu folgender Phrase aus: „Entschlossener denn je werden wir in Deutschland, in Europa und in der Welt alle Kräfte bündeln, Menschheitsherausforderungen wie die des Klimawandels aufzunehmen und erfolgreich die Herausforderung zu bewältigen. Wir brauchen dieses Pariser Abkommen, um unsere Schöpfung zu bewahren.“. Doch im Vertrag der neuen Großen Koalition reduzierte sich der Umweltschutz der ehemaligen Umweltministerin und heutigen Kooperationspartnerin der Autoindustrie auf ein Nischenthema, was die Kanzlerin am 21. 3. 2018 im Bundestag in der Regierungserklärung ihrer vierten Amtszeit nicht davon abhielt, wiederum von ihren „Anstrengungen hinsichtlich einer besseren Luft“ zu sprechen.

In Ihrer Arbeit schreiben Sie, dass die „kürzeste Antwort auf die Ausgangsfrage lautet, dass Merkel gesellschaftliche und soziale Ungleichheiten in den Medien meistens nicht darstellt oder ausblendet.“

In der Tat lautet die kürzeste Antwort auf die Frage, wie Merkel diese Ungleichheiten in den Medien darstellt, dass sie dieselben meistens nicht wahrhaben kann oder will und abwehrt. Ihre Realpolitik findet kaum je Eingang in den Diskurs. Merkel ist auch eine Meisterin der Auslassungen. Zuweilen mag es sich um eine eher »passive« Verschwiegenheit oder auch um sogenanntes Nichtwissen (-Wollen) handeln, beispielsweise, wenn sie lange Zeit ausdrücklich nichts von der Tatsache wissen wollte, dass US-Drohneneinsatze vom deutschen Ramstein aus gesteuert werden. Oft handelt es sich indes um ein »aktives« Verschweigen durch Ungeschehenmachen.

Stichwort „Ungeschehenmachen“. Was hat das mit Merkel zu tun?

In der Psychoanalyse wird unter Ungeschehenmachen die Bemühung verstanden, so zu tun, als ob fragwürdige Entscheidungen oder Handlungen nicht erfolgt wären, indem Sätze produziert werden, die eine »entgegengesetzte« Bedeutung nahelegen. Das Ungeschehenmachen setzt sich aus Isolierung und Idealisierung zusammen: Durch die »Isolierung« wird die Politik nur als Abfolge von Einzelereignissen und nicht in ihrem Zusammenhang betrachtet (zum Beispiel Austeritätspolitik gegenüber Griechenland / Stagnierung der Löhne in der BRD / Forcierung des Exports), wodurch für Produzenten sowie Rezipienten der Sinnzusammenhang verloren geht. Durch die »Idealisierung« wird die Politik ins Vollkommene hinein aufgehoben, von wo aus die Menschen derart »über-schaut« werden, dass die »Wahr-nehmung« nicht durch aufkommende Differenzen zwischen denselben gestört wird.

Das ist eine ziemlich schwerwiegende Erkenntnis, oder?

Das ist zunächst mal nur ein wissenschaftlicher Begriff gewesen. In unserer Untersuchung weisen wir dann nach, dass zumindest für einen großen Teil des medialen Verhaltens der Bundeskanzlerin dieses Konzept empirisch zutreffend ist.

Mit anderen Worten: Merkel verschleiert die Realität?

Ja, das kann man so sagen. In der aktuellen Regierungserklärung (21. 3. 2018) benennt die Bundeskanzlerin die Kinderarmut zurecht als „Schande“, die indes mit der bisherigen Regierung nichts zu tun zu haben scheint, und stellt erstmals fest, „Unser Land ist heute gespalten und polarisiert“. Das hält sie aber nicht davon ab, die Sprechblase ins Leben zu rufen, „Deutschland, das sind wir alle“. Ja, da sind ja alle gesellschaftlichen Widersprüche, Klassenunterschiede, Ungerechtigkeiten und Konflikte rasch wieder überdeckt. Merkel verschleiert mit ihrem verbalen Verhalten die Realität, die sie mit ihrer Politik mitverursacht.

Das heißt?

So werden an vielen Stellen von Merkels medialen Präsentationen die Fluchtursachen primär mit den “Schleppern” in Verbindung gebracht, die zu Zeiten der DDR noch “Fluchthelfer” genannt wurden. Die Bürger sollen nicht erkennen, durch wen die wirklichen Fluchtursachen produziert werden. Auf die Bekämpfung der Fluchtursachen angesprochen, gibt Merkel den Lesern in einem umfangreichen Interview, das sie am 3. 9. 2016 einer großen Boulevard-Zeitung gewährte, zu verstehen, dass es mit der EU-Türkei-Vereinbarung gelungen sei, das „Schlepperwesen“ einzudämmen und Menschenleben zu retten, was das wichtigste Ziel sei. Die Bekämpfung der Fluchtursachen sei indes nicht allein Aufgabe von Europa, “sondern eine humanitäre Verantwortung der ganzen Welt”.

Auch hier setzt Merkel also auf eine Sprache, die verschleiert?

So ist es. Die Bundeskanzlerin setzt an die Stelle verräterischer Begriffe harmlosere oder sogar human oder sozial anmutende. Gegenüber einer sachlogischen Begrifflichkeit bevorzugt sie die Verklärung der Sachverhalte. So vertauscht Merkel ihre neoliberale Politik mit ihrem „überwältigenden Grundbekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft“, einem Konzept, das sie fast durchgehend an die Stelle weniger schöner Begriffe stellt (wie z.B. „Sozialabbau“). „Auffanglager“ werden durch „Aufnahmezentren“, „Waffenlieferungen“ durch „Entwicklungshilfe“, „expansive Politik“ durch „Deutschlands Weltoffenheit“ und „Übernahme von Verantwortung in der Welt“ ersetzt.

Allerdings muss Merkel bei bestimmten medialen Textsorten die Realität gar nicht mehr verschleiern, berührt sie doch dieselbe von vornherein selten und schließlich kaum mehr, um auch noch auf ein quantitatives Ergebnis der Untersuchung hinzuweisen. Diese Abnahme des Realitätsgehalts trifft insbesondere für die Neujahrsreden der Bundeskanzlerin zu. Ihre letzte besteht fast nur noch aus Phrasen. Der Bundeskanzlerin kann man nur recht geben, wenn Sie in ihrer neuesten Regierungserklärung feststellt: „Zur ganzen Wahrheit gehört, dass wir zu lange weggesehen haben“. Nach zwölf Jahren Regierungszeit wiederholt sie dreimal in ihrer Rede „Seien wir ehrlich“.

Aber die Verschleierung der Realität findet auch auf gesellschaftlicher Ebene statt, oder?

Ja, dem kann ich zustimmen. Merkel korrespondiert gut mit vielen anderen Verantwortungsträgern und Bürgern in dieser Gesellschaft. Die meisten Menschen haben mittlerweile durch ihre auf Konkurrenz ausgerichteten, unsicheren, oft prekären Arbeitsbedingungen ein ökonomisches Menschenbild entwickelt, das heißt, sie sehen die Welt und die anderen Menschen gleichsam durch eine betriebswirtschaftliche Brille und betrachten alles als abwegig, was wenig oder keinen wirtschaftlichen Wert zu haben scheint und letztlich nicht auch den eigenen Nutzen und jenen durch die Mitmenschen maximiert. Damit werden nicht nur Menschen, die zumindest vordergründig und unmittelbar anstatt Nutzen Kosten bringen, ungleich behandelt und abgewertet. Nein, damit wird auch der Blick dafür verstellt, was die Mächtigen im Zentrum Europas, aber bis zu einem gewissen Grade auch die weniger Mächtigen und Ohnmächtigen, wir alle, mit dieser Art Haushaltung den Menschen in südlichen Ländern antun, nicht nur den Menschen in Griechenland, sondern auch jenen in afrikanischen Staaten.

Was bedeutet es denn für die Situation im Land, wenn die Bundeskanzlerin dieses Landes die Realität ausblendet?

Wenn afrikanische Landwirte und Fischer, denen durch Lebensmittelkonzerne und die Großfischerei die Lebensgrundlage entzogen wurde oder aufgrund des Klimawandels, der ihnen nicht mehr gestattet, so weiter zu wirtschaften wie bisher, nach Europa fliehen, werden sie als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie wir schließlich auf das reagieren, was wir selbst ausgelöst haben. Wir fühlen uns demjenigen ausgeliefert, was von uns und insbesondere den sogenannten Eliten in den Zentren, den Reichen, vielen Politikern, auch vielen Wissenschaftlern (unter anderem Ökonomen und Betriebswirtschaftlern) zumindest teilweise zuvor herbeigeführt wurde. In der Fachsprache spricht man in diesem Zusammenhang vom gesellschaftlichen Unbewussten.

Falls Merkel, die aus einem christlich-sozialen, ja christlich-sozialistischen Elternhaus kommt und daheim und während ihrer Schulzeit in der DDR sicherlich auch etwas von Gesellschaftslehre mitgekriegt hat und später Physik studiert hat, also eine Wissenschaft, die sich auf die Realität, auf Tatsachen, bezieht, diese Zusammenhänge nicht sieht, dann handelt sie gesellschaftlich unbewusst, mithin verantwortungslos. In der medienpsychologischen Untersuchung geht es indes nicht darum, aus der Idiomatik und den Ambitionen des Sprech im evangelischen Pfarrhaus mit seinen Deeskalations- und Harmoniebestrebungen den Subtext der Reden der Kanzlerin zu entschlüsseln, sondern ausschließlich darum, sich auf das zu beschränken, was in den Zeitungen und im TV zum Ausdruck kommt.

Wie fassen Sie das Ergebnis Ihrer Untersuchung zusammen?

Merkel betreibt eine inhumane Politik und verpackt sie in humane Worte. Sie vermag sich für viele glaubhaft als moralische Autorität zu inszenieren. Sie ist eine Verpackungskünstlerin. wobei ich nicht definitiv beurteilen kann, ob sie eher unbewusst oder vielmehr mit Absicht vorgeht, kalkuliert, die Menschen raffiniert fehlleitet, instrumentalisiert und manipuliert. Ich kann nur festhalten, dass Merkel zwar einen an sich richtigen Maßstab verwendet, diesem aber selbst nicht genügt, und sich dessen vielleicht auch nicht bewusst ist, wenn sie richtigerweise sagt: “Wenn wir anfangen, dabei mitzumachen, dass Fakten beiseitegewischt oder ignoriert werden können, dann sind verantwortbare und konstruktive Antworten in der Sache nicht mehr möglich” (Haushaltsdebatte im Deutschen Bundestag, 7.9.16).

Lesetipp: Klaus-Jürgen Bruder, Christoph Bialluch, Jürgen Günther (Hg.): Gesellschaftliche Spaltungen. Zur Wahrnehmung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit in Politik und Gesellschaft

 

Quelle: https://www.nachdenkseiten.de/?p=43253

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„Gender Mainstreaming“ und die Rolle der UNO (Teil 1) 5/5 (6)

Von Christl R. Vonholdt

Wenn man heute etwas zum Thema „Gender Mainstreaming“ liest, wird man in zahlreichen Texten darauf hingewiesen, dass „Gender Mainstreaming“ seinen Anfang auf der 4. Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking nahm. In der offiziellen Abschlussresolution, der „Pekinger Aktionsplattform“, wurde der Begriff eingeführt. „Mainstreaming a Gender Perspective“ heißt es dort, kurz: Gender Mainstreaming.

Von Peking aus gelangte es in die ganze Welt, vor allem in die westlichen Staaten.

Was geschah im Vorfeld der Weltfrauenkonferenz? Dale O’Leary belegt, wie die Gender-Perspektive den UN-Delegierten der ärmeren Länder aufgezwungen wurde und wie eine fertige Strategie einer Ideologie den Sieg bescherte – letztlich ein Sieg über Besonnenheit, Respekt vor Kulturen und einer an der Realität orientierten Vernunft. Eine Zusammenfassung aus dem Buch „The Gender Agenda“ von Dale O’Leary, in Teil I geht es um den historischen Hintergrund.

Einleitung

Still und leise hat sich das Wort Gender in unsere Welt eingeschlichen. Früher sprach man vom Geschlecht [Englisch: „sex“], heute geht es um „gender“. In Antragsformularen wurde früher nach dem Geschlecht gefragt, heute fragt man nach Gender. Früher beklagte man die Diskriminierung der Frau, heute die Diskriminierung aufgrund von Gender. Ist Gender also nur ein anderes Wort für Geschlecht und meint „Mann und Frau“? Längst nicht mehr. Spätestens seit der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 hat Gender weltweit eine neue Bedeutung erhalten.

Gender meint „sozial konstruierte und veränderbare (Geschlechter)-Rollen“ – und zwar frei von biologischen Anbindungen. Gender ist Teil einer neuen radikalfeministischen Ideologie, ihr Name ist Gender-Perspektive.

Eines der Ziele der Gender Agenda ist es, fünfzig Prozent aller Arbeitsplätze in allen Berufs­sparten weltweit mit Frauen zu besetzen, notfalls zwangsweise.

Die Clinton-Administration [1995], Kanada, die EU-Staaten und die UN-Behörden arbeiten intensiv daran, die Gender-Perspektive umzusetzen. Sie soll „in den Mainstream“ gebracht werden. Doch über das, was die Gender-Perspektive will, gibt es keine offene Diskussion.

Die Gender-Perspektive kommt nicht als großes Schiff daher, obwohl sie doch in allen politischen und öffentlichen Programmen verankert werden soll, sondern wie ein U-Boot, das keiner genau kennen soll.

Die Strategie der neuen Ideologie heißt: Die Bedeutung von Worten verändern.

Was auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Peking geschah, ist wichtig. Nicht, weil die Vereinten Nationen ihre Auffassung den USA aufzwingen könnten; die UN kann ihre Auffassung nur armen Ländern aufzwingen, die auf Finanzhilfe angewiesen sind. Aber die UN hat das Ansehen und die Mittel, ihre Agenda weltweit in die Köpfe und Herzen der Menschen zu tragen: in die Politik, Schulen und Medien.

Und die Agenda der UN-Behörden heißt Gender-Perspektive. In der „Pekinger Aktionsplattform“, der offiziellen Abschluss-Resolution der Weltfrauenkonferenz, fand sie ihren heutigen Namen: „mainstreaming a gender perspective“ („die Gender-Perspektive in den Mainstream bringen“), im deutschen: Gender Mainstreaming.

Die Befürworter der Gender-Perspektive wollen Gender zum Leitprinzip machen, nach dem die Welt regiert wird. Hinter der Gender-Perspektive steht aber keine Grassroot-Bewegung, die Idee geht vielmehr von einer kleinen Minderheit von Frauen und Männern aus, die bereits in Machtzentren sitzen und ihre Position nutzen, um die Gender Agenda anderen aufzuzwingen. Man sollte besser von einem Gender Establishment sprechen.

Die UN ist fest in den Händen des Gender Establishments.

Die UNO

Das Konsens-Prinzip

Etwa 70 Prozent der UN-Arbeit geht in die Vorbereitung und Durchführung von Konferenzen. Zu Frauenfragen gab es bisher vier internationale Konferenzen, zuletzt die in Peking. Ziel der Konferenzen ist jeweils eine Resolution – in Peking war es die „Pekinger Aktionsplattform“. Diese haben zwar keinen bindenden Charakter, aber eine moralische Autorität. Sie sollen die „Überzeugung der ganzen Welt“ zu wichtigen Themen bündeln. Seit ihrem Bestehen hat die UN deshalb darauf geachtet, dass Resolutionen nicht mit Mehrheit gegen Minderheit, sondern im Konsens mit allen Mitgliedstaaten verabschiedet werden.

Technisch geschieht das so: Vor jeder Hauptkonferenz gibt es in verschiedenen Ländern Vor-Konferenzen, auf denen das anstehende Thema behandelt wird. Aufgrund der Vor-Konferenzen erstellt das UN-Personal einen Resolutionsentwurf. Auf der letzten Vor-Konferenz, der „PrepCom“ (Preparatory Committee), die immer in New York stattfindet, wird der aktuelle Resolutionsentwurf noch einmal ausführlich von allen UN-Delegierten diskutiert. Alle Teile des Entwurfs, über die keine Einigkeit erzielt werden kann, müssen in eckige Klammern gesetzt werden. Auf der Hauptkonferenz kann nur noch über die Textstellen in eckigen Klammern diskutiert werden.

Ziel der PrepCom in New York ist es, so viel Einmütigkeit wie möglich zu erzielen. Auf der öffentlichen Hauptkonferenz sollen nur noch Details debattiert werden. Dort will man der Weltöffentlichkeit ein positives Bild zeigen: Wir, die Vereinten Nationen, sind uns einig über die und die Welt-Probleme und wie sie gelöst werden können.

Aufgrund des Konsens-Prinzips war es in der Vergangenheit so, dass eine Resolution erst nach langen Debatten zustande kam. Die Vereinten Nationen waren ja gegründet worden, um auch kleinen und armen Staaten eine Stimme zu geben.

Wenn auch auf der Hauptkonferenz über bestimmte Punkte kein Konsens erzielt werden kann, kann ein Land „Vorbehalt“ anmelden; in der Vergangenheit wurden dann diese Textstellen aus der Resolution gestrichen.

Seit der Weltklimakonferenz in Rio de Janeiro 1992 wird das Konsens-Prinzip mehr und mehr in Frage gestellt. Die bestimmenden Kräfte in der UN setzen immer häufiger ihre eigenen Ziele durch. So forderte die Vorsitzende der Konferenz in Rio, die norwegische Ministerpräsidentin Gro Haarlem Bruntdland, dass das Konsens-Prinzip fallengelassen werden solle. Die langsameren Länder würden nur den Fortschritt derjenigen behindern, die schneller vorangehen wollten. Frau Bruntdland war damals verärgert, weil in der Abschlussresolution das Recht auf Abtreibung nicht vorkam.

Auf der Weltfrauenkonferenz in Peking wurde das Prinzip der Einstimmigkeit – zwar nicht offiziell, aber doch in der Realität – eindeutig verlassen. Die Tonangebenden in der UN, d.h. die Vertreter der westlichen Nationen, die UN-Angestellten und die von der UN akkreditierten, einflussreichen NGOs (non-governmental organisations, Nichtregierungsorganisationen) setzten ihre Agenda durch.

Die Nichtregierungs-Organisationen

Um fachliche Beratung zu erhalten, hat die UN seit langem bestimmte „Nichtregierungsorganisationen“ (NGOs) akkreditiert. Sie haben einen offiziellen Beraterstatus. Sie sollen Basisbewegungen oder karitative Einrichtungen repräsentieren.

Doch die heute akkreditierten NGOs sind machtvolle Organisationen, die ihre eigenen Ziele in der UN durchsetzen können. Ihr Einfluss innerhalb der UN hat erheblich zugenommen; zahlenmäßig übertreffen die Lobbyisten die UN-Angestellten. Während internationaler Konferenzen können sie in extra dafür eingerichteten Foren und Workshops ihre Lobbyarbeit tun.

In speziellen Ausschüssen können sie Kritik an Resolutionsentwürfen und Änderungsvorschläge einbringen.

Viele der NGOs haben ständige, bezahlte Lobbyisten in New York. Zu nennen sind besonders die Organisationen zur Weltbevölkerungskontrolle (z.B. „International Planned Parenthood Federation“ IPPF) und die Frauenorganisation WEDO, die eng mit­einander zusammenarbeiten.

WEDO

Die Frauenorganisation WEDO (Women’s Environment and Development Organisation) trat zum ersten Mal 1992 auf dem Weltklimagipfel in Rio auf (daher ihr Name). Es gelang ihr dort, den Fokus der Konferenz auf ihr eigenes Thema zu lenken: Mehr Macht den Frauen und das Recht auf Abtreibung. Seitdem schaffte es WEDO, auf jeder Konferenz ihre eigene Agenda einzubringen und aus jeder Frage eine Frauenfrage zu machen.

Ohne Übertreibung kann man WEDO als eine „Schatten-UN“ bezeichnen. WEDO veranlasste, dass die UN bestimmte Ausschüsse („Caucus“) gründete, in denen die NGOs ihre Lobbyarbeit direkt ausüben können.

Der wichtigste Ausschuss der UN ist der Frauenausschuss („Women’s Caucus“). Er soll die Interessen aller Frauen vertreten; in der Realität ist er fest in den Händen von WEDO. Auch eine Anzahl anderer Ausschüsse wird von WEDO dominiert. Bella Abzug, die Mitgründerin und Leiterin von WEDO [bis 1998], wird von den UN-Angestellten bevorzugt behandelt. So hat sie in der Regel Rederecht auf den UN-Pressekonferenzen. Auf der Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo hörte man sie sagen, sie habe die „Pekinger Aktionsplattform“ geschrieben.

Im Dezember 1994 hielt WEDO in Vorbereitung auf die Weltfrauenkonferenz eine eigene Tagung in New York ab. Ziel war es, Lobby-Strategien auszuarbeiten, wie zukünftige UN-Konferenzen stärker durch WEDO beeinflusst und die Politik konservativer Nationen geschickter attackiert werden könnte.

10 Prozent der Teilnehmer waren UN-Angestellte! Das allein schon wirft schwerwiegende Loyalitäts-Fragen auf.

Die UN-Angestellten sind nicht dazu da, die Ziele der NGOs umzusetzen, sondern den gewählten Delegierten der Mitgliedstaaten bei deren Anliegen hilfreich zur Seite zu stehen. Doch offensichtlich fühlen sich viele UN-Angestellte mehr den Zielen feministisch-ideologischer NGOs verpflichtet als den Interessen der Mitgliedstaaten.

Immer wieder schwebt deshalb die Frage im Raum, wem der bürokratische Apparat der UNO eigentlich Rechenschaft gibt.

Der Abschlussbericht der WEDO-Konferenz nennt eines der Ziele von WEDO (Quelle: Women’s Global Strategies Report, WEDO, Dezember 1994, zit. nach O‘Leary, S. 74):

Beobachten von und opponieren gegen internationale Anti-Abtreibungs- und andere fundamentalistische Bewegungen…“

Zu den Teilnehmern der WEDO-Konferenz, die zugleich UN-Angestellte waren, gehörten Gertrude Mongella und Kristen Timothy.

Gertrude Mongella, eine Funktionärin aus Tansania mit langjährigen Kontakten zu WEDO, wurde Generalsekretärin der Pekinger Konferenz. Kurz nach der WEDO-Konferenz trat sie in einem Video auf, in dem den großen Religionen, besonders dem Christentum, eine Anti-Frauen-Haltung vorgeworfen und die Aussage gemacht wird, dass der Platz für Frauen „unter Hitler Kinder, Küche, Kirche“ war (Quelle: Video Breaking Barriers, hergestellt von Judith Lasch, www.laschmedia.com/page4.html).

Kirsten Timothy war für die Akkreditierung von NGOs in der UN verantwortlich. Unter ihrer Leitung erhielten viele Familien- und Lebensschutzgruppen, auch solche, die an früheren UN-Konferenzen teilgenommen hatten, zunächst keine Akkreditierung für die Konferenz in Peking.

Gertrude Mongella, eine Funktionärin aus Tansania in der NGO-Frauenorganisation WEDO.

Die PrepCom in New York

Die Medien konzentrieren sich auf die UN-Hauptkonferenzen. Doch die eigentliche Arbeit wird auf den Vor-Konferenzen geleistet.

Für die 4. Weltfrauenkonferenz fand die PrepCom (Preparatory Committee) in New York im März 1995 statt. Die UN-Delegierten trafen sich für vier Wochen, um den Resolutionsentwurf zu diskutieren.

Die Familienbefürworter

Bei der Auseinandersetzung um die Gender-Perspektive geht es um einen ideologischen Konflikt. Da ist es wichtig, die Seiten im Konflikt auch mit Namen zu nennen. Auf der einen Seite stehen die Befürworter des Gender Mainstreaming, wir haben schon WEDO, Mongella u.a. genannt. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ich [Dale O’Leary] als „Familienbefürworter“ bezeichne.

Mit „Familienbefürworter“ meine ich jene Menschen, die sich für den besonderen Schutz der Ehe als einer Mann-Frau-Beziehung und der daraus folgenden Familie einsetzen.

Zwar reden auch die Anhänger der Gender-Perspektive von Familie und sind „für die Familie“, aber sie definieren „Familie“ völlig neu. Sie haben eine Abneigung gegen Worte wie Mutter, Vater und statt von Ehefrau und Ehemann sprechen sie von Partnern. Über die traditionelle Ehe und Familie und über Vollzeit-Mutterschaft haben sie hauptsächlich Negatives zu sagen.

Die Familienbefürworter verbindet am ehesten folgende Definition von Ehe und Familie:

Die ’Familie’ kann zu allen Zeiten und überall so definiert werden: Ein Mann und eine Frau, durch einen gesellschaftlich anerkannten Bund der Ehe miteinander verbunden, wodurch Sexualität reguliert wird, worin Kinder geboren, aufgezogen und geschützt werden, beide Partner füreinander sorgen und einander schützen; die Ehe führt zur Institution einer kleinen häuslichen Ökonomie und hält die Kontinuität zwischen den vorangegangenen und nachfolgenden Generationen aufrecht. Aus diesen auf Gegenseitigkeit beruhenden, natürlich entstehenden Familienbeziehungen erwachsen größere Gemeinschaften wie Stämme, Dörfer, Völker und Nationen.“ (Quelle: Carlson, A., What’s Wrong With the United Nations’ Definition of ’Family’? The Family in America, August 1994, S. 3.)

Viele UN-Delegierte aus den ärmeren Ländern waren Familienbefürworter.

Die Familienkoalition

Neben den einflussreichen Lobbygruppen wie WEDO oder IPPF (International Planned Parenthood Federation, internationale Lobbygruppe zur Kontrolle der Weltbevölkerung, die weltweit freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung fördert) gab es auch verschiedene Vertreter akkreditierter NGOs, die sich für den Schutz von Ehe und Familie einsetzen. Sie zählen ebenfalls zu den Familienbefürwortern. Viele von ihnen hatten sich bereits auf der Weltbevölkerungstagung in Kairo 1994 kennengelernt. Auf der PrepCom in New York taten sie sich zusammen und operierten gemeinsam unter dem Namen „Koalition für Frauen und die Familie“ (Coalition for Women and the Family), im folgenden „Familienkoalition“ genannt.

Ihre Lobbyarbeit organisierten sie von den Fluren aus, hinter denen die Delegierten konferierten. Auf aktuelle Debatten reagierten sie mit kleinen, schnell hergestellten, bunten Flyern, in denen sie ihre Standpunkte vertraten und den Delegierten alternative Vorschläge für anstehende Resolutionsabschnitte machten.

Die Taktik mit den bunten Flyern war so erfolgreich, dass die UN-Angestellten immer neue Regeln erfanden, um die Verbreitung der Flyer einzuschränken oder in anderer Weise die Aktivitäten der Familienkoalition zu beschränken.

WEDO beschwerte sich offen über die Familienkoalition. Diese seien „Fundamentalisten“, die die PrepCom sabotieren wollten. Sie wollten die Frauen zu Hause halten und hätten das Ziel, dass die Frauen den Männern untertan sein sollten. Das waren absurde Vorwürfe, denn die Frauen der Familienkoalition waren ja da, mitten auf der Tagung. Sie arbeiteten gemeinsam mit den Männern als gleichberechtigte Partner – ohne Machtkampf, ohne Quoten und ohne Dominanz oder Unterordnung. Diese Frauen waren lebendige Beispiele dafür, dass die Familienbefürworter sich für Gleichberechtigung, Chancengleichheit und für die aktive Teilnahme von Frauen in Öffentlichkeit und Politik einsetzen.

Während die Mitglieder der Familienkoalition häufig keine Erlaubnis erhielten, bei den offiziellen Sitzungen im Saal dabei zu sein, saß die Präsidentin von WEDO immer am Platz einer fehlenden Delegierten. Sie wurde bevorzugt und beklagte sich dennoch ständig, dass WEDO nicht genügend Einfluss hätte.

„Fundamentalismus“

Eine von NGOs auf der PrepCom veranstaltete Podiumsdiskussion hatte den Titel „Gegen-Attacke: Frauen wehrt euch gegen Fundamentalismus“. Wieder nahmen an dem Treffen viele UN-Angestellte teil.

Sprecher der Podiumsdiskussion bezeichneten nicht nur jeden religiösen Menschen als „Fundamentalisten“, sondern vor allem jeden, der von der Komplementarität von Mann und Frau überzeugt ist, und ebenso jeden, der Mutterschaft als eine besondere Berufung der Frau unterstützt.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand eines der zentralen Ziele der Gender Agenda, nämlich wie man statistische Gleichheit zwischen Frau und Mann, d.h. letztlich ihre Auswechselbarkeit, möglichst bald herstellen könne. Konkret ging es um die Forderung nach der Quotenregelung von 50 Prozent Frauen / 50 Prozent Männer für alle öffentlichen und privaten Arbeitsstellen.

Angriff auf die Familie

Einige Familien-Organisationen hatten unerklärlicherweise keine Akkreditierung für die PrepCom in New York erhalten. Die UN gab dazu ein Statement heraus: Da so viele Organisationen eine Akkreditierung beantragt hätten, könnten nur diejenigen berücksichtigt werden, deren Arbeit für die Themen der Weltfrauenkonferenz relevant sei.

Merkwürdigerweise erhielten drei der größten und wichtigsten Organisationen (Concerned Women for America, Eagle Forum, Catholic Campaign) keine Akkreditierung. Einer winzigen Organisation ohne Mitglieder dagegen, der „Catholics for a Free Choice“ (CFFC), wurde die Akkreditierung gewährt.

Die Leiterin von CFFC, Frances Kissling, verteilte auf der PrepCom ein Papier, deren Mitautorin sie war. Darin wurde eine „feministische Anthropologie“, basierend „auf einer radikalen Gleichheit von Frauen und Männern“ gefordert und eine Gesellschaft, in der „die Community, nicht die Familie der programmatische Fokus“ sein müsse. Die Co-Autorin des Papiers, Mary Hunt, war bekannt geworden durch einen Text, in dem vorgeschlagen wird, das Wort „Familie“ durch „Freundschaft“ zu ersetzen:

„Stellen Sie sich vor, Sex unter Freunden wäre die Norm. Stellen Sie sich vor, genitale Interaktionen würden danach beurteilt, ob und inwieweit sie Freundschaft und Vergnügen fördern. (…) Vergnügen ist unser Geburtsrecht, dessen uns ein religiöses Patriarchat beraubt hat. (…) In meiner Vorstellung sehe ich Freunde, keine Familien, die in vollen Zügen das Vergnügen genießen, das uns zusteht, weil unsere Körper heilig sind.“ (Quelle: Re-Imaging Conference, zit. in HLI Reports, Jan. 1995, S. 6.)

Solche Texte sind keine Einzelbeispiele. Sie geben nur ungeschminkt wider, was die Gender-Perspektive im Kern besagt: Die Mann-Frau-Ehe und die daraus folgende Familie seien Ursprung und Urtypus aller Unterdrückung der Frau. Befreiung könne es nur geben, wenn die Frau von der Last der Familie und der Kinderpflege befreit sei.

Und Befreiung setze zudem voraus, dass Frau und Mann von der Last der Komplementarität, d.h. der Last der „Zwangsheterosexualität“, ja letztlich von allen Schranken bezüglich sexueller Verhaltensweisen, befreit seien. [Siehe hierzu Teil II, Anm. d. Hg.]

Die Würde des Menschen

Es gab auf der Tagung auch Diskussionen über den Begriff der Würde. Die Familienbefürworter waren perplex über den Widerspruch, den es von feministischer Seite aus gegen diesen Begriff gab, der doch in der UNO-Menschenrechtserklärung steht.

Offensichtlich fürchteten – aus einem übertriebenen Dogmatismus heraus – die Gender Feministen eine Interpretation des Wortes dahingehend, dass es auf eine übergeordnete Macht verweisen könnte, die dem Menschen seine Würde verleiht.

So widersetzten sie sich jeglicher Bezugnahme auf die Würde von Frauen.

Sprachverwirrung

Zunächst sah es so aus, als ob der Resolutionstext für die „Pekinger Aktionsplattform“ vor allem sich wiederholende Allgemeinplätze und artige, harmlos erscheinende Richtigkeiten enthalte.

Den Familienbefürwortern machte jedoch Sorge, was fehlte: An keiner Stelle ging der Entwurf auf die legitimen Bedürfnisse von Frauen ein, die zuhause in der Familie arbeiteten. Der Entwurf enthielt kein einziges positives Statement zur Ehe, zum Familienleben, zur Mutterschaft, zu Elternrechten oder zur Religion. (Im endgültigen Resolutionstext wurde das auf Druck der USA geringfügig geändert.)

Die Übersetzungen ins Spanische und Französische verschleierten die Anti-Familiensprache des Originaltextes und erschwerten somit die internationale Zusammenarbeit der Familienbefürworter. Doch nach Verabschiedung des endgültigen Resolutionstexts würde nur noch der englische Text gelten.

Einigen Delegierten war der ideologische Inhalt bestimmter englischer Begriffe nicht bekannt und auch nicht immer in den Wörterbüchern zu finden. So meinte eine Exil-Tibetanerin, bei dem Begriff „reproduktive Rechte“ (reproductive rights) ginge es um das Recht auf Kinder; sie wusste nicht, dass damit das Recht auf „medizinisch sichere“, d.h. legale Abtreibung gemeint ist.

Verwirrung um Gender

Anfangs konzentrierten sich die Vertreter der Familienkoalition auf die Textpassagen zu den „sexuellen Rechten“ (u.a. das Recht auf Prostitution) und den „reproduktiven Rechten“ (u.a. das Recht auf Abtreibung). Diese „Rechte“ sollen laut Resolutionstext jedem Einzelnen zustehen.

Selbst die international renommierte medizinische Zeitschrift „The Lancet“ kritisierte den Resolutionstext in diesem Punkt scharf. Sie schrieb, die Agenda der UN sei fast identisch mit der Agenda der IPPF (International Planned Parenthood Federation), deren einziges Ziel es sei, das Recht der Frau auf Kontrolle der Reproduktion, insbesondere das Recht auf Abtreibung, festzuschreiben. Die „Pekinger Aktionsplattform“, so Lancet, sähe alles nur durch die außerordentlich kurzsichtige Brille der „Fertilitätskontrolle“ (Quelle: Re-Imaging Conference, zit. in HLI Reports, Jan. 1995, S. 6):

Der neue Kolonialismus… ist eine gefährliche Strategie. Er stellt westliche Utopien vor lokalen Pragmatismus.“

Doch bald wurde klar: Das zentrale Wort des Resolutionstexts war Gender. In fast jedem Abschnitt kam der Begriff vor: Gender-Perspektive, Gender Analyse, Gender Sensitivitätstraining, Gender Aspekte, Gender Fragen usw.

In einem Text für eine Weltfrauenkonferenz kam Gender mehr als 200 Mal, das Wort Mutter seltener als zehn Mal vor.

Hier wurde die Sprachverwirrung perfekt, denn kaum jemand wusste anfangs genau, was mit Gender gemeint war.

Delegierte aus der Dritten Welt schlugen wieder in den Wörterbüchern nach. Dort fanden sie unter „gender“ nur die beiden klassischen Definitionen: 1. grammatikalisches Geschlecht, männlich, weiblich, sächlich; 2. ein anderes Wort für „zwei Geschlechter [sex]“, gleichbedeutend mit „Mann und Frau“.

Die Familienbefürworter waren der Auffassung, dass Gender zwar „soziales Geschlecht“ bedeute, dass dieser Begriff jedoch eine klare und feste Anbindung an den Begriff „biologisches Geschlecht („sex“) haben müsse. Gender als „soziales Geschlecht“ sei zwar nicht identisch mit dem „biologischen Geschlecht“ („sex“), denn Gender sei das Ergebnis von Biologie und Kultur, jedoch gäbe es eine große Überlappung zwischen beiden Begriffen, sie seien nicht voneinander abzukoppeln.

Genau diese Abkopplung ist aber der theoretische Ansatz der Gender-Perspektive.

In den 1970er und 80er Jahren hatten radikalfeministische Theoretiker (Frauen und Männer) dem Gender-Begriff eine neue Bedeutung gegeben. Danach hat Gender keine Anbindung mehr an das biologische Geschlecht („sex“), sondern ist frei von biologischen Vorgaben, nur „sozial konstruiert“. Gender ist deshalb jederzeit frei wählbar und veränderbar. Jede „Zuordnung“ zu einem „Geschlecht“ ist sinnlos, denn das Wort „Geschlecht“ selbst ist bedeutungslos geworden.

Es zählen nicht mehr Mann und Frau in ihrer biologischen und sozialen Gestalt als die beiden aufeinanderzugeordneten Geschlechter; es zählen nur noch zahlreiche, frei wählbare Gender.

Die Delegierten der Dritten Welt wollten sich allerdings nicht damit abfinden, dass im Resolutionstext das Wort Gender schon so ideologisch besetzt, so eindeutig nur in der neuen Bedeutung festgelegt war. Sie kämpften darum, dass die Tagungsleitung eine klare Definition von Gender vorlegen würde, der alle Delegierten zustimmen könnten.

Sie alle setzten sich für mehr Autonomie für die Frau und für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Den Gedanken allerdings, Männer und Frauen seien „gleich“ und müssten deshalb in statistisch gleicher Weise in allen Berufs- und Lebensbereichen vorkommen und die offensichtlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen seien nur gesellschaftlich „konstruiert“, fanden sie absurd. Sie waren auch nicht zur Tagung gekommen, um Belehrungen in feministischer Erkenntnistheorie zu erhalten. Sie wollten konkrete Hilfe für konkrete Probleme von Frauen.

Die Familienbefürworter bestanden darauf, dass die Definition von Gender die Begriffe „zwei Geschlechter [two sexes], Mann und Frau“ umfassen müsse.

Die EU und Kanada, die UN-Angestellten und die einflussreichen NGOs wie WEDO wollten eine Definition, die Gender als „sozial konstruierte Rollen“ definierte, wie es z.B. auch in einer (noch 1995 herausgegebenen) UN-Broschüre heißt: „Das biologische Geschlecht ist von Natur aus gegeben. Gender ist konstruiert.“ (Quelle: Gender Concepts in Development Planning: Basic Approach, INSTRAW, 1995, S. 11)

Ein Reporter schrieb treffend: Die Debatte über das Wort Gender ist „ein Beispiel aus dem Lehrbuch zum Thema globaler Feminismus und feministische Epistemologie“. Sie „wirft zentrale Fragen über das Verhältnis von Sprache, Wissen und Macht auf …“ (Quelle: Earth Negotiations Bulletin, 10.4. 1995)

Marta Casco, Leiterin der honduranischen Delegation und eine der engagiertesten Familienbefürworterinnen, warf dem UN-Apparat vor, eine „versteckte Agenda“ zu haben und „manipulierte Euphemismen“ zu benutzen, „um einen Text zu erstellen, für den nur sie [die UN-Angestellten] das richtige Wörterbuch hätten“. (Quelle: Zitiert nach O’Leary, S. 78)

Unfaire Taktiken

Einige Delegierte schlugen vor, das Wort Gender im Text solange in eckige Klammern zu setzen, bis man zu einer einvernehmlichen Definition gekommen sei.

Die Reaktion darauf war so unerwartet heftig und aggressiv, dass einige Delegierte jetzt sehr hellhörig wurden.

Offensichtlich hatten sie es hier doch mit einer ideologischen Front zu tun, die um keinen Preis eine echte Hinterfragung des Gender-Begriffs zulassen würde.

Die Präsidentin von WEDO, Bella Anzug, erhielt die Spezialerlaubnis zu einer Rede vor den Delegierten. Sie verurteilte scharf jeden Versuch, Gender in eckige Klammern zu setzen (Quelle: Aus der Rede von B. Abzug, zit. nach O’Leary, S. 86-87):

Wir werden es uns nicht gefallen lassen, dass man uns in die Ecke ’Biologie ist Schicksal’ zurückdrängt und Frauen definieren, einschränken und auf ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale reduzieren will.“

Die Delegierten waren verletzt. Niemand wollte Frauen „auf ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale reduzieren“. Sie wollten nur eine Definition von Gender, der sie alle zustimmen könnten.

Bella Abzug bestand darauf, dass die „feministische“ Definition von Gender, d.h. die Gender-Perspektive, nicht verhandelbar sei (Quelle: Aus der Rede von B. Abzug, zit. nach O’Leary, S. 86-87):

„Das Konzept von Gender ist in den zeitgenössischen gesellschaftlichen, politischen und gesetzlichen Diskurs eingebettet.( …) Die Bedeutung des Wortes ’Gender’ hat sich zu einem vom Wort ’Geschlecht’ verschiedenen Begriff entwickelt; es drückt die Realität aus, dass Rolle und Status von Frauen und Männern gesellschaftlich konstruiert sind und der Veränderung unterliegen. (…) Das Einfließen der Gender-Perspektive in alle Tätigkeitsbereiche der UN ist eine wesentliche Verpflichtung, die in früheren Konferenzen genehmigt wurde und auf der Vierten Weltfrauenkonferenz erneut bestätigt und gestärkt werden muss.“

Delegierte, die an früheren UN-Konferenzen teilgenommen hatten, durchkämmten ihre UN-Dokumente. Doch fanden sie keinen Nachweis dafür, dass sie je einmal die Gender-Perspektive genehmigt hätten.

Bella Abzug fuhr fort (Quelle: Aus der Rede von B. Abzug, zit. nach O’Leary, S. 86-87):

„Der gegenwärtige Versuch einiger Mitgliedsstaaten, das Wort Gender aus der Aktionsplattform zu streichen und durch das Wort ’Geschlecht’ zu ersetzen, ist ein beleidigender und erniedrigender Versuch, die von Frauen gemachten Fortschritte rückgängig zu machen, uns einzuschüchtern und den weiteren Fortschritt zu blockieren. Wir fordern die wenigen männlichen und weiblichen Delegierten, die vom Empowerment der Frauen ablenken und es sabotieren wollen, auf, ihrer Ablenkungstaktik ein Ende zu machen. Es wird ihnen nicht gelingen. Sie vergeuden nur kostbare Zeit. Wir kehren nicht zu untergeordneten, minderwertigen Rollen zurück.“

Die Delegierten waren schockiert und letztlich sprachlos ob der Vorwürfe.

4. Weltfrauenkonferenz der UN, Peking.

Die Gender-Theorien

Viele Vertreter der Familienkoalition waren verwirrt. War Gender wirklich schon so ideologisch besetzt? Konnte es nicht auch ein gutes, brauchbares Wort sein?

Zufällig kamen einige von ihnen noch während der Tagung in Berührung mit einem Gender-Kurs, der an einem College angeboten wurde. Das Material des Kurses zeigte ihnen, wie ausgefeilt die Gender-Theorien und wie besetzt der Gender-Begriff schon waren.

Folgende Auszüge und Zitate aus dem Kursmaterial waren – unter anderen – Augenöffner für die Vertreter der Familienkoalition (Quelle: Aus dem Kursmaterial des Kurses: Re-imagining Gender, Hunters College, Kursleiterin: Lorna Smedman, 1995):

  1. Ist Gender eine soziale Konstruktion oder das Ergebnis eines biologischen Geschlechts? Worum geht es bei der Überschreitung der binären Kategorien Frau/Mann, weiblich/männlich, heterosexuell/homosexuell, natürlich/nicht natürlich?
  2. „Heterosexualität und Mutterschaft müssen als politische Institution erkannt und erforscht werden. (…) In einer Welt genuiner Gleichheit, in der Männer keine Unterdrücker sind, sondern fürsorglich, ist jeder bisexuell.“ (Quelle: Rich, A., Compulsory Heterosexuality and Lesbian Existence, Bloody Bread and Poetry: Selected Prose, 1979-85, New York, S. 34f.)
  3. „Jeder Säugling wird anhand seiner Genitalien der einen oder anderen Kategorie zugeordnet. Nach dieser Zuordnung werden wir zu dem, von dem die Kultur annimmt, was wir seien – weiblich oder männlich. Obwohl viele meinen, dass Männer und Frauen der natürliche Ausdruck eines genetischen Plans seien, ist Gender doch ein Produkt des menschlichen Denkens und der Kultur, eine gesellschaftliche Konstruktion, welche die ’wahre Natur’ aller Einzelwesen erst hervorbringt.“ (Quelle: The Dangers of Femininity, Gender Differences: Sociology or Biology?, S. 40)
  4. „Gender Fluidität ist die Fähigkeit, frei und bewusst ein Gender oder eine grenzenlose Anzahl von Gendern für sich zu wählen, für einen beliebigen Zeitraum, in jedem Ausmaß der Wandlung. Die Fluidität von Gender erkennt weder Grenzen noch ­Regeln an.“ (Quelle: Bornestein, K., Gender Outlaw: On Men, Women and the Rest of Us, New York 1994, S. 52)
  5. Ein Aufsatz der bekannten Autorin und lesbisch lebenden Professorin für Biologie und Gender Studies, Anne Fausto-Sterling, lautete: „Die fünf Geschlechter: Warum Mann und Frau nicht genügt.“ Die Tatsache, dass einige Menschen mit Anomalien der Genitalien geboren werden, ist für die Autorin kein Beweis für die Krankheit; vielmehr benutzt sie diese dazu, die normative Existenz von nur zwei Geschlechtern radikal in Frage zu stellen: „Warum sollte es uns kümmern, dass es Menschen gibt, deren biologische Anlagen es ihnen ermöglichen, Geschlechtsverkehr ’natürlicherweise’ mit Männern und Frauen haben zu können? Die Antworten scheinen in dem kulturellen Bedürfnis zu liegen, klare Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern aufrechtzuerhalten. (…) Da Hermaphroditen buchstäblich beide Geschlechter verkörpern, stellen sie traditionelle Überzeugungen über geschlechtliche Unterschiede in Frage. Hermaphroditen haben die irritierende Fähigkeit, zuweilen als das eine und zuweilen als das andere Geschlecht leben zu können, sie bringen das Schreckgespenst der Homosexualität ins Spiel.“ (Quelle: Fausto-Sterling, A., The Five Sexes: Why Male and Female Are Not Enough, The Sciences, March/April 1993)

Die Familienkoalition musste sich eingestehen, dass zahlreiche Passagen im Resolutionsentwurf, die sie bisher als harmlos eingeschätzt hatte, in Wirklichkeit ideologischen Sprengstoff bargen.

Keine Einigung

Die Familienkoalition erarbeitete einen Flyer, in dem es heißt:

„Was ist die Gender-Perspektive? Für einige Delegierte ist es ein unbekannter Begriff. Er bedeutet nicht ’Verpflichtung für die Rechte der Frau’ und auch nicht, dass man sich gegen die ’Diskriminierung von Frau oder Mann’ einsetzt. Die Gender-Perspektive besagt, dass alles ein Machtkampf zwischen Männern und Frauen ist. Jedwede Probleme werden unter der Perspektive analysiert, inwieweit der Unterschied zwischen Mann und Frau Ursache eines Problems ist.

Zugegeben, die Probleme sind real und schwerwiegend. Einzelne Männer haben sich oft großer Ungerechtigkeit gegenüber Frauen schuldig gemacht. Aber die Gender-Perspektive sieht alle Männer als schuldig an, als die, die von Machtungleichheiten profitieren. Statistische Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden als Beweis einer männlichen Verschwörung gegen die Frau angesehen. Alles Leiden der Frauen ist irgendwie die Schuld der Männer. Nehmt die Anti-Männer-Sprache [aus dem Resolutionstext] heraus! Was wir brauchen, ist eine echte Frauen-Perspektive.“ (Quelle: O’Leary, S. 85.)

Marta Casco stellte einen formellen Antrag an die tagungsverantwortlichen UN-Vertreter, eine klare Definition von Gender vorzuschlagen. Man antwortete ihr, dass Gender „keine Definition hat und auch keine braucht“ (Quelle: O‘Leary, S.92.) Schon allein dadurch, dass sie die Frage aufwerfe, versuche sie, die Sache der Frau zu unterwandern und die Konferenz zu sabotieren.

Die Vorsitzende der Konferenz, die Österreicherin Irene Freudenschuss weigerte sich strikt, Gender in eckige Klammern zu setzen. Das hatte es noch nie gegeben.

Marta Casco war der Auffassung:

„Im Bestreben, ihre legitimen Rechte und Chancengleichheit zu verwirklichen, sollte die Frau ihre eigene Natur weder verleugnen noch aufgeben. (…) Die Schaffung einer Welt individualistischer und egoistischer Frauen, die die alltägliche Familienwirklichkeit nur am Rand miterleben, wird nicht dazu beitragen, die Gewalt zu beenden, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten zu beseitigen oder die Armut abzubauen  – ganz im Gegenteil.“ (Quelle: O’Leary, S. 93.)

Die Clinton-Regierung sprach sich gegen „zwei Geschlechter“ aus

Die USA wandten sich ausdrücklich gegen eine Definition von Gender, die den Ausdruck „zwei Geschlechter“ (two sexes) enthielt. Das löste zahlreiche Spekulationen aus. Glaubten auch die Vertreter der Clinton-Regierung, es gebe mehr als zwei Geschlechter, also weitere Gender?

Hillary Clinton bei ihrer Rede auf der 4. Pekinger Weltfrauenkonferenz.

Viele gewannen den Eindruck, die „Pekinger Aktionsplattform“ spreche sich für fünf Geschlechter aus: Männer, Frauen, homosexuell lebende Männer, lesbisch lebende Frauen sowie bisexuell oder transsexuell lebende Menschen.

War der Begriff Gender im Text also doch ein indirekter Weg zur Normalisierung homosexueller Lebensweisen? Dafür wollten sich die Vertreter der Dritten Welt auf keinen Fall instrumentalisieren lassen. Doch ihr Kampf um Klarheit war vergeblich.

Tagung verlängert – und die Vertreter der ärmeren Länder mussten abreisen

Zuletzt wurde die Tagung verlängert. Die Delegierten der ärmeren Länder – sie waren es vor allem, die sich für Ehe und Familie einsetzten – mussten abreisen, weil ihre Flüge gebucht waren. Eine Neubuchung konnten sie sich nicht leisten. Sie sahen die Verlängerung als einen Schachzug der UN und der reichen Nationen, der diesen mehr Macht und Einfluss über den endgültigen Resolutionstext geben würde.

Auch nach der Verlängerung gab es keine gemeinsame Definition von Gender. Es wurde deshalb eine „Kontaktgruppe“ gebildet, die sich für weitere vier Wochen (Mai-Juni 1995) erneut treffen sollte.

Ein Reporter bemerkte: „Einige der am stärksten engagierten Diskussionsteilnehmer sind nun in der Kontaktgruppe vertraten. Diese soll zu einem einvernehmlichen Verständnis des Begriffs Gender gelangen. Und wie eine leitende Vertreterin der US-Delegation meinte, so wird es wohl kommen: Dem Text wird ein gewisses Maß an ’positiv klingender Schwammigkeit’ hinzugefügt.“ (Quelle: Earth Negotiations Bulletin, 10.4. 1995) Siehe auch hier: Erklärung von Peking

Das Kontakt­gruppentreffen

Genauso kam es. Im Rückblick ist zu sagen, dass mit dem Ende der PrepCom der Einfluss der NGO-Vertreter, die sich unter dem Namen „Familienkoalition“ zusammengeschlossen hatten, schwand.

Hinter den Kulissen begann jetzt ein Tauziehen, in dem Geld und Einfluss benutzt wurden, um den Sieg der Gender Agenda sicherzustellen. Dagegen waren die bunten Flyer und Informationen der Familienkoalition machtlos.

Die einflussreichen Vertreter der Gender-Perspektive, d.h. die UNO, die USA, Kanada, die EU und die entsprechenden NGOs nutzten die Zeit, um Druck auf ärmere Länder auszuüben.

Die Gender Aktivisten wollten um jeden Preis verhindern, dass die UN-Delegierten eine Definition von Gender durchsetzten, die die Begriffe ‚zwei Geschlechter [two sexes], Mann und Frau‘ enthielt.

Die Vertreterin einer afrikanischen Regierung meinte, niemals zuvor sei so viel Druck auf sie ausgeübt worden wie in dieser Sache. Und Länder, die auf Finanzhilfe angewiesen seien, könnten es sich einfach nicht leisten, ihre potentiellen Kreditgeber zu verprellen.

Nur eines konnten die UN-Delegierten erreichen: dass nicht auch noch der Begriff „sexuelle Orientierung“ im Resolutionstext erschien.

Ein fauler Kompromiss

In Bezug auf Gender setzte sich ein fauler Kompromiss durch. Man „einigte“ sich in der Kontaktgruppe auf folgenden Satz: Gender ist definiert, „wie man es üblicherweise bisher gebraucht und verstanden hat.“

Wie man es aber bisher gebraucht und verstanden hatte, wurde nicht gesagt.

Die Feministen, die immer wieder betonten, der neuen Bedeutung von Gender habe man schon lange zugestimmt, waren zufrieden. Die Delegierten aus der Dritten Welt mussten auch zufrieden sein, denn nirgendwo war definiert und festgelegt, dass Gender „sozial konstruierte und frei veränderbare Rollen“ meinte.

Dennoch war diese „Nicht-Definition“ der historische Ausgangspunkt dafür, dass die UN die Ideologie der Gender-Perspektive in die ganze Welt und in den „Mainstream“ der westlichen Staaten bringen konnte.

Sind Männer und Frauen verschieden?

In der „Pekinger Aktionsplattform“ ist festgelegt (Quelle: Hier):

„Die Grenzen der geschlechtlichen Arbeitsteilung zwischen den produktiven und den reproduktiven Aufgaben werden allmählich gegenseitig überschritten und zwar in dem Maß, in dem Frauen in früher von Männern dominierte Arbeitsbereiche vordringen und Männer größere Verantwortung für häusliche Aufgaben, auch für die Kinderbetreuung, übernehmen. (…) In vielen Ländern wird noch immer nicht anerkannt, dass die Unterschiede zwischen den Leistungen und Tätigkeiten von Frauen und Männern nicht so sehr auf unabänderliche biologische Unterschiede, sondern auf gesellschaftlich determinierte Geschlechterrollen zurückzuführen sind.“ (Quelle: Platform for Action, Paragraf 28 (27))

Der letzte Satz ist ein Kernsatz der Gender Agenda.

Aus ihm wird die Forderung nach der statistischen Gleichheit von 50/50 (Frauen /Männer) in allen Berufs- und Lebensbereichen abgeleitet. Im Grunde ist er eine Kampfansage an die Wirklichkeit.

Viele, wenn auch nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind biologisch (mit-)bedingt. Männer laufen schneller, sind körperlich stärker, sind körperlich aggressiver, werden nicht schwanger und stillen nicht. Männer und Frauen unterscheiden sich in ihren Hormonen, in ihrer Leiblichkeit, in ihrem Denken.

Die Position der Familienbefürworter

Familienbefürworter lehnen die Vorstellung ab, dass alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen sozial konstruiert seien. Sie lehnen aber auch das Gegenteil davon ab. Sie behaupten nicht, dass alle Unterschiede biologisch bedingt sind. Viele Faktoren spielen eine Rolle und wirken zusammen: Biologie, Kultur, Gesellschaft, individuelle Erfahrungen und Überzeugungen, freie Entscheidungen.

Sicher, die Gesellschaft vermittelt Erwartungen an Mädchen und Jungen. Doch können diese deshalb nicht einfach künstlich genannt werden. Kleine Mädchen wachsen auf und können schwanger werden. Kleine Jungen wachsen auf und werden körperlich stärker als Mädchen.

Alle Gesellschaften haben die Arbeiten für die Familie zwischen Männern und Frauen aufgeteilt. Frauen hatten eine Arbeit, die es ihnen erlaubte, den Kindern nah zu bleiben. Männer hatten eine Arbeit, die eine weitere Entfernung von der Familie verlangte. Nicht alle Männer und Frauen werden Mütter und Väter. Aber eine Mehrheit wird es, und sie sollte auch darauf vorbereitet sein.

Jungen Menschen beizubringen, dass Mann und Frau gleich sind oder dass Mutterschaft dasselbe ist wie Vaterschaft, ist eine Lüge.

Integrale Komplementarität

Die Familienbefürworter vertreten eine Position, die man am besten mit dem Begriff „integrale Komplementarität“ (integral complementarity) beschreiben kann. Mann und Frau sind einander völlig gleich in ihrem Menschsein, ihrer Würde, ihren Rechten; aber sie sind unterschiedlich und komplementär in ihrem Wesen.

Jeden geschlechtlichen Chauvinismus, männlichen oder weiblichen, lehnen sie ab. Kein Geschlecht ist das Bessere. Die Sichtweise der integralen Komplementarität lehnt die Vorstellung ab, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau irrelevant seien oder überwunden werden müssten. Sie lehnen aber auch jene Vorstellung von Komplementarität ab, wonach Eigenschaften in stereotyper Weise auf Männer und Frauen aufgeteilt werden.

Integrale Komplementarität besagt auch, dass jeder Einzelne, Frau oder Mann, eine vollständige Person ist. Doch gleichzeitig sind Frau und Mann in einmaliger Weise aufeinander verwiesen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind vielleicht vergleichbar mit dem Abstand zwischen den Augen: Erst Frau und Mann gemeinsam (keineswegs nur in der Ehe) geben – wie die beiden Augen gemeinsam – der Menschheit die notwendige Tiefenwahrnehmung und Tiefenschärfe.

Die Position der Familienbefürworter ist nicht eine rigide Verteidigung von Vergangenem, sondern der besonnene Versuch, dasjenige, das Frauen künstlich einengt, abzulegen und gleichzeitig das Recht der Frau, anders zu sein und sein zu dürfen als der Mann, zu schützen.

Die Familienbefürworter waren bereit, offen darüber zu debattieren, was künstlich sei und was nicht, aber die Feministinnen verweigerten jede Diskussion.

Für Gender Feministen ist „verschieden“ dasselbe wie „ungleich“ und „ungleich“ dasselbe wie „ungerecht“.

Was auch immer es für wirkliche Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der Vergangenheit gegeben hat: Man wird nicht Gerechtigkeit dadurch schaffen, dass man die Originalität der Frau und die Einzigartigkeit der weiblichen Natur leugnet.

Die Unterschiede zwischen Frau und Mann leugnen oder gar abschaffen zu wollen, ist letztlich ein Krieg gegen die menschliche Natur, die weibliche ebenso wie die männliche.

Eine alternative Plattform

Noch vor der Konferenz in Peking trafen sich die Vertreter der Familienkoalition und erarbeiteten einen alternativen Resolutionsentwurf: „Plattform für die Frauen der Welt“.

Er enthielt einfache, konkrete Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Frau im Hinblick auf materiellen Wohlstand, Ausbildung, Gesundheit, Frieden, Entwicklung, Arbeit, Medien, Mädchen und Menschenrechte.

Viele waren der Auffassung, dass dieser Text auf 30 Seiten die wirklichen Sehnsüchte, Wünsche, Ambitionen und Ziele der großen Mehrheit der Frauen in der Welt besser widerspiegelte als es die „Pekinger Aktionsplattform“ auf 150 Seiten tat.

Das Recht auf Ehe

Während die „Pekinger Aktionsplattform“ die Ehe ausschließlich in negativem Zusammenhang erwähnt und die Wörter Ehefrau und Ehemann erst gar nicht vorkommen, erinnert die alternative Plattform daran, dass die Allgemeine Menschenrechtserklärung der UNO das Recht aller Frauen und Männer „zu heiraten und eine Familie zu gründen“ unterstützt.

Subsidiarität und Solidarität

Nach Ansicht der alternativen Plattform ist das Prinzip der Subsidiarität am besten geeignet, der mangelnden Kontrolle von Frauen über ihr eigenes Leben entgegenzutreten.

Subsidiarität bedeutet, dass größere Gruppen in einer Gesellschaft nicht die Funktionen an sich reißen dürfen, die von kleineren Gruppeneinheiten gehandhabt und kontrolliert werden können. Insbesondere sollte

die Familie (…) die Freiheit haben, ihre eigenen Angelegenheiten selbst handhaben und kontrollieren zu können“.

Die alternative Plattform bemerkt: Wenn sich Macht in den Händen einiger weniger Personen konzentriert, dann sind diese Personen eher Männer als Frauen und Frauen werden tatsächlich stärker unter dem Verlust an Macht und Einfluss leiden.

Doch ist es kein Ausgleich für diese Frauen, einfach die Anzahl der Frauen in den hohen Regierungsämtern zu erhöhen. Dadurch wird den Frauen an der Basis noch überhaupt kein Einfluss zurückgegeben, denn Frauen möchten selbst über das entscheiden, was sie betrifft. Die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips ist deshalb eine gute Möglichkeit, „Macht und Einfluss von Frauen auf natürliche Weise auszuweiten“.

Die alternative Plattform befürwortet zudem das Prinzip der Solidarität. Es ist ein konstruktives Gegenprogramm zu dem von der Gender Agenda vorangetriebenen Klassenkampf. Solidarität verlangt von Männern und Frauen aller Klassen, Rassen und Gruppierungen, dass sie zusammenarbeiten, dass jeder die Bedürfnisse und Interessen auch des anderen in Blick hat.

Die 4. Weltfrauenkonferenz in Peking

Etwa 30.000 Menschen nahmen an der Hauptkonferenz teil.

Der „Linkage Caucus“ – ein ebenfalls von WEDO kontrollierter Ausschuss – schlug eine Liste von Änderungen für den Resolutionstext vor, wonach sämtlich auch nur annähernd Familien-positiven Stellen entfallen wären.

Von Anfang an stand auch das Thema „Definition von Gender“ wieder auf der Tagesordnung. Die Familienbefürworter unter den Delegierten einigten sich dann aber, dass die Nicht-Definition, die in der Kontaktgruppe zustande gekommen war, besser war als eine neue Definition, von der sie befürchteten, dass sie sie auf keinen Fall würden mittragen können.

Die meisten Delegierten der Dritten Welt hielten die Gender Agenda für völlig irrelevant für ihr Land. Für sie waren Männer und Frauen verschieden, Mutterschaft und Familie waren wichtig.

Doch waren sie bereit, den „europäischen Unsinn“ zu tolerieren, weil sie hofften, dass die reichen Geberstaaten ihnen finanziell helfen würden. In der Mitte der Konferenz wurde klar, dass es diesmal keine Gelder geben würde. Im Gegenteil: Es wurde erwartet, dass die armen Länder die Gender Agenda auf eigene Kosten umsetzten. Eine afrikanische Delegierte rief: „Wenn es kein Geld gibt, wozu sind wir dann hier?“

„Wir stimmen nicht überein“

Die Familienkoalition verteilte einen letzten Flyer „Wir stimmen nicht überein“ (Quelle: O’Leary, S. 203 f., hier gekürzt wiedergegeben):

„Die ’Pekinger Aktionsplattform’ ist ein direkter Angriff auf die Werte, Kulturen, Traditionen und religiösen Überzeugungen der großen Mehrheit der Weltbevölkerung sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den Industrienationen. Zwar steht in der Plattform vieles, das für den sozialen Aufstieg der Frau förderlich und notwendig ist, dennoch überschatten die negativen Aspekte die positiven. Das Dokument zeigt keinerlei Respekt für die Würde des Menschen, versucht, die Familie zu zerstören, ignoriert die Ehe, wertet die Bedeutung der Mutterschaft ab, fördert abweichende sexuelle Praktiken, sexuelle Promiskuität und Sex für Jugendliche.

Als Bürger von Industrienationen möchten wir uns bei den Menschen in weniger entwickelten Gebieten der Welt entschuldigen und uns mit ihnen solidarisch erklären in ihrer Verteidigung von Familie, Mutterschaft und Elternrechten. Wir sind beschämt über die Art, in der unsere Länder einen Prozess des erzwungenen ‚Konsens‘ vorangetrieben haben, indem sie Übersetzungen verweigerten, Delegierte aus kleineren Ländern übergingen und solche, die Widerspruch erhoben, an den Pranger stellten.

Kein objektiv urteilender Mensch, der miterlebt hat, wie die Delegierten aus armen Ländern von den Vertretern reicher Nationen zur Gefügigkeit gezwungen wurden, kann hier von einem Konsens sprechen.

Es ist tragisch, dass sich die Entwicklungsländer hinter nationaler Souveränität verstecken müssen, um universelle Prinzipien des Respekts vor der Familie, der Mutterschaft, der Ehe, der Moral und der Keuschheit zu verteidigen, als seien dies merkwürdige, rückständige Sitten.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihnen keine andere Wahl bleibt, als dem ‚Konsens‘ zuzustimmen, geben Sie zumindest ihre letzte Protestmöglichkeit nicht auf:

Bringen Sie im Plenum starke Vorbehalte zur Sprache.“

Tatsächlich gab es im Plenum zahlreiche „Vorbehalte“. Doch hatte diese keinen Einfluss mehr auf den Resolutionstext. – Am Ende siegte das Establishment. Die Präsidentin Gertrude Mongella erklärte die Konferenz zum großen Erfolg.

Zusammenfassung

Immer wieder werde ich gefragt, was ich in Peking sah. Auch auf die Gefahr hin, zu stark zu vereinfachen, ist meine Antwort:

Im UN-Establishment haben folgende Ansichten die Mehrheit:

1. In der Welt braucht es weniger Menschen und mehr sexuelle Vergnügungen. Es braucht die Abschaffung der Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Abschaffung der Vollzeit-Mütter.

2. Da mehr sexuelles Vergnügen zu mehr Kindern führen kann, braucht es freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung für alle und Förderung homosexuellen Verhaltens, da es dabei nicht zur Empfängnis kommt.

3. In der Welt braucht es einen Sexualkundeunterricht für Kinder und Jugendliche, der zu sexuellem Experimentieren ermutigt; es braucht die Abschaffung der Rechte der Eltern über ihre Kinder.

4. Die Welt braucht eine 50/50 Männer/Frauen Quotenregelung für alle Arbeits- und Lebensbereiche. Alle Frauen müssen zu möglichst allen Zeiten einer Erwerbsarbeit nachgehen.

5. Religionen, die diese Agenda nicht mitmachen, müssen der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Das ist die Gender-Perspektive in Kurzform. Sie soll in den Mainstream gelangen. Damit dies geschehen kann, ist sie verpackt in wunderbare Worte wie Gleichheit, Rechte, Familien, reproduktive Gesundheit und Fairness.

Diejenigen, die sich für den Schutz von Ehe und Familie und für wahre Würde und Autonomie von Frau und Mann einsetzen, sind gegen die Gender-Perspektive – nicht weil sie gegen einen Fortschritt in Frauenfragen wären, sondern weil sie für Frauen sind. Sollte die erträumte Zukunft der Gender-Feministen jemals wahr werden, wird die Welt weniger gerecht, weniger frei und weniger menschlich sein.

New York, USA – 12. Juli 2010: Hauptsitz der Vereinten Nationen mit Flaggen der Mitglieder der UNO in New York. Seit 1952 dient der Komplex als offizieller Sitz der UNO.

Anmerkungen

Alle Zitate aus Fremdquellen sind nach dem Buch von Dale O’Leary direkt aus dem Englischen übersetzt. Auch das Zitat aus der „Pekinger Aktionsplattform“ ist direkt aus dem Englischen übersetzt. Im Internet ist einzusehen: Bericht der Vierten Weltfrauenkonferenz, Anlage II, Aktionsplattform, auszugsweise Übersetzung des Dokuments, A/CONF.177/20 vom 17. 10. 1995,  www.un.org/Depts/german/conf/beijing/beij_bericht.html

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Dr. med. Christl Ruth Vonholdt ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. die Entwicklung von Identität, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie. Der Artikel erschien ursprünglich im Deutschen Insitut für Jugend und Gesellschaft dijg.de: Die Gender Agenda.

Quelle : http://www.epochtimes.de/wissen/gesellschaft/gender-mainstreaming-und-die-rolle-der-uno-teil-1-a2353160.html

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